Kennen Sie das römische Marcomagus bei Nettersheim?

Informationen zum Standort
50.490266 °N / 6.627669°O

Wenn nicht, dann sollten Sie es unbedingt kennenlernen. Die Siedlung liegt heute im Archäologischen Landschaftspark und wird durch einen 4,5 km langen Rundweg erschlossen. Ein guter Ausflugstipp zu jeder Jahreszeit! In diesem Beitrag finden Sie fundierte archäologische Informationen über das, was Sie sehen werden!

In der Antike führte die sogenannte „Agrippastraße“, eine der wichtigsten Heerstraßen der römischen Provinz Germania inferior, von Köln nach Trier und vorbei am heutigen Ort Nettersheim. Eine römische Siedlung erstreckte sich entlang dieser Straße auf einer Länge von mindestens 500 Metern und wird auf einer spätantiken Straßenkarte mit dem Namen „Marcomagus“ bezeichnet. Sie sehen hier eine Rekonstruktionsdarstellung.

 

So sah Nettersheim in der Eifel in der Römerzeit aus!
Rekonstruierte Ansicht des antiken Marcomagus/heute Nettersheim (Foto: Andreas Schmickler)

 

Im Norden grenzt die „Görresburg“ an die Siedlung, ein Hügel mit einem Heiligtum, das den Aufanischen Matronen geweiht war. Folgen Sie dem Rundweg durch den Park, dann erreichen Sie die „Görresburg“ über einen Hohlweg, der von Norden auf den Hügel hinaufführt.

Vermutlich gelangten bereits römische Reisende über diesen Weg zum Heiligtum, wenn sie von der Colonia Claudia (Köln) nach Marcomagus unterwegs waren.

 

Sieh dir dieses besondere Matronenheiligtum der Römer an!
Matronenheiligtum „Görresburg“ im Archäologischen Landschaftspark Nettersheim (Foto: Gemeinde Nettersheim)

 

Das Matronenheiligtum

Die aktuelle Teilrekonstruktion des römischen Tempelbezirks zeigt ihn, wie er wohl nach der 2. Hälfte des 2. Jh. n. Chr. aussah.

Die hier verehrten Göttinnen werden auf zahlreichen gefundenen Weihesteinen als „aufanische Matronen“ bezeichnet und als Dreiheit in ubischer Tracht dargestellt. Die beiden äußeren Matronen tragen die charakteristischen Haube, die in der Mitte hat ihr Haar offen. Meist halten sie Körbe mit Früchten auf ihrem Schoß. Welche Funktion die Matronen erfüllten, ist unbekannt, doch befanden sich viele Angehörige des römischen Militärs unter den Weihenden.

 

So sah das Heiligtum in der Frühphase aus:

Bereits ab etwa 70 n. Chr. fanden hier kultische Handlungen statt. Inmitten eines abgezäunten Bezirks wurden zunächst an einem Erdaltar, einer flachen Grube, Brandopfer vollzogen. Die archäologische Ausgrabung zeigte, dass man neben Brennholz auch hölzerne Objekte verbrannte, eventuell Schalen oder Körbe als Behälter für Opfergaben. Die Asche füllte man anschließend in ausgehobene Gruben und bedeckte sie mit Ton und zerkleinerten Kalkbruchsteinen. Bis auf wenige Keramikfragmente und einzelne Münzen zeigen sich die Aschegruben fundleer. Die Asche aus den Gruben scheint immer wieder außerhalb des Heiligtums am nördlichen Hang entsorgt worden zu sein.

 

So sah das Matronenheiligtum in Nettersheim in der Antike aus!
Rekonstruktionsdarstellung des Matronenheiligtums Görresburg im Archäologischen Landschaftspark Nettersheim (Urheber: Frithjof Spangenberg)

 

So wurde es rund 100 Jahre später ausgebaut:

Um 150 n. Chr. erhielt die Anlage ein entschieden anderes Bild: Das Heiligtum wurde in Stein errichtet und vergrößert. Die Bauten orientierten sich an den Aschegruben des vorherigen Kultes. Weihesteine für die Aufanischen Matronen wurden nun rund um den großen Tempel aufgestellt. Die Stifter erfüllten damit ein zuvor geleistetes Gelübde.

Der nicht-römische Ursprung der Gottheiten zeigt sich im Namen und in der Darstellung. Es handelt sich um drei auf einer Bank sitzende Frauen in langen Gewändern. Die beiden äußeren tragen Hauben auf dem Kopf. Auf dem Schoß halten sie häufig Fruchtkörbe als Zeichen ihrer Schutz und Segen spendenden Wirkung, welche sich die Stifter erbaten.

Alle drei Bauten besaßen ein rotes Ziegeldach. Der große Tempel war außen weiß verputzt und innen mit bemaltem Wandputz in Rot-, Weiß- und Grautönen versehen. Während der mittlere Bau wohl ebenfalls für kultische Zwecke genutzt wurde, ist die Funktion des zurückliegenden dritten Gebäudes nicht bestimmbar.

Der große Bau wurde nach Ausweis eines Münzfundes nach 367 zumindest in Teilen neu errichtet. Die Anlage bestand bis zum Ende des 4. Jahrhunderts.

 

Über die Siedlung in der unmittelbaren Nachbarschaft:

Unmittelbar südlich der Tempelanlage standen die Wohn- und Geschäftsbauten der Siedlung Marcomagus. In den sogenannten „Streifenhäusern“ auf der „Alten Gasse“ wurde gelebt und gearbeitet. Archäologen haben hier ein römisches Handwerkerhaus ausgegraben, das mindestens 250 Jahre lang als Werkstatt genutzt wurde, bevor es zusammen mit allen anderen Häusern der Siedlung während einer Unruhe in der römischen Provinz gänzlich niederbrannte.

 

Die war eine röm,ische Landenzeile in Nettersheim!
Streifenhäuser im Archäologischen Landschaftspark Nettersheim (Foto: Gemeinde Nettersheim)

 

Streifenhäuser – Leben im Vicus

Die römische Straßensiedlung südlich der Görresburg entstand spätestens ab der 2. Hälfte des 1. Jh. n. Chr. Mit einiger Sicherheit kann man sie als das Marcomagus identifizieren, das auf der sogenannten Tabula Peutingeriana verzeichnet ist, der mittelalterlichen Kopie einer spätantiken Straßenkarte.

 

Das sehen Sie heute:

Die Gemeinde Nettersheim hat einige Häuser über den Grundrissen mit Aufschüttungen als Podien sichtbar machen lassen, um Ihnen so ihre Ausmaße und ihre dichte Reihung entlang der Straße zu verdeutlichen. Ein „archäologisches Fenster“ am Wegesrand ermöglicht Ihnen den Blick auf die originalen Mauern eines der Gebäude.

 

Besichtigen Sie den Archäologischen Landschaftspark Nettersheim!
Streifenhäuser im Archäologischen Landschaftspark Nettersheim (Foto: Gemeinde Nettersheim/Jochen Starke)

 

Die Ergebnisse der archäologischen Forschung:

Marcomagus zog sich entlang der Agrippastraße den Hang hinab in das Tal der Urft. Eine geophysikalische Untersuchung zeigte auf einer Länge von über 500 m eine dichte Bebauung zu beiden Seiten des 8 bis 12 m breiten Straßendamms. Spätestens Mitte des 1. Jahrhunderts standen die ersten Häuser an der Straße. Sie dienten nicht nur als Wohnung, sondern auch dem gewerblichen Betrieb. Das Zentrum des vicus lag vermutlich einige hundert Meter weiter unten im Tal am Urftübergang der Agrippastraße.

Spuren von Brand und Schutt belegen, dass die junge Siedlung in den Jahren 69–70 durch die Wirren des so genannten Bataver-Aufstandes gegen die Römer in Mitleidenschaft gezogen wurde. Danach begann die Blüte des römerzeitlichen Nettersheim.

 

So können Sie sich die Bebauung vorstellen:

Im 2. Jahrhundert säumten große lang-rechteckige Bauten, so genannte „Streifenhäuser“, in dichter Reihung die Straße auf der „Alten Gasse“. Sie besaßen Sockel aus Bruchstein mit darüber aufgehenden Fachwerkwänden. Die Dächer waren mit roten Dachziegeln, manchmal auch mit Schiefer oder – seltener – Steinplatten gedeckt.

Zwischen den aufgereihten Häusern bestand ein Abstand in Gehwegbreite. Unter den Häusern verlaufende Kanäle leiteten das Hang- und Regenwasser abwärts. In einem 2013 flächig untersuchten Gebäude entdeckten Archäologinnen und Archäologen eine Werkstatt, vermutlich eine Schmiede. In Marcomagus wohnten und arbeiteten Händler und Handwerker, die ihre Produkte an Reisende, vor allem aber auch an die umliegende Landbevölkerung verkauften.

 

Einblick in die archäologische Vergangenheit von Nettersheim
Archäologisches Fenster im Archäologischen Landschaftspark Nettersheim (Foto: Gemeinde Nettersheim)

 

Das Ende der Siedlung und ihre Folgenutzung:

Nach der Brandkatastrophe – wohl in Folge des Frankeneinfalls im Jahr 275 – wurden die meisten Bauten am Hang nicht wieder aufgebaut. In den Ruinen an der Straße verhütteten Menschen in spätrömischer Zeit Eisenerz, was Funde von Rennöfen belegen.

Der Nachbau eines solchen Rennofens sehen Sie bei Ihrem Rundweg durch den Archäologischen Landschaftspark. Er entstand im Rahmen eines Experimentes zur Eisenverhüttung.

Vorbei an dem Handwerkerhaus und weiteren teilrekonstruierten Streifenhäusern führt Ihr Wanderweg wie die Agrippastraße bergab über die Urft. Am anderen Ufer befand sich in römischer Zeit das öffentliche Zentrum der Siedlung mit einer Benefiziarierstation, in der Straßenpolizisten stationiert waren. Nach den Unruhen des 3. Jahrhunderts wurde hier ein Kleinkastell errichtet, um den Straßenübergang über die Urft besser zu schützen.

 

 

Sehen Sie sich dieses römische Kastell an!
Kastell im Archäologischen Landschaftspark Nettersheim (Foto: Gemeinde Nettersheim)

 

Das spätrömische Kastell an der Urft

In der Regierungszeit Kaisers Konstantin (306–337) stabilisierten sich die zuvor unruhigen Verhältnisse in den nördlichen Provinzen des römischen Reiches. Viele Straßen, Brücken und öffentliche Gebäude wurden erneuert. An den Grenzen und entlang strategisch wichtiger Straßen entstanden neue Kastelle. Eine dieser verkehrsgeografisch wichtigen Positionen bildete der Urftübergang der Agrippastraße in Marcomagus. Nach der Zerstörung der Siedlung um 275 wohl in Folge der Frankeneinfälle planierte man das Gelände am Fluss ein und errichtete eine neue Brücke.

 

Fußgänegrüberweg über die Urft im Archäologischen Landschaftspark Nettersheim
Übergang über die Urft bei einem antiken Straßenkastell (Foto: Gemeinde Nettersheim/Jochen Starke)

 

Schutz für die wichtige Fernstraße:

In der Zeit des Brückenbaus um das Jahr 316 muss auch das kleine Kastell an der „Steinrütsch“ gebaut worden sein. Es ist etwa 60 × 40 m groß und liegt querrechteckig zur Agrippastraße zwischen Urft und Wellerbach. Die für römische Militäranlagen ungewöhnliche vieleckige Form lässt sich durch die Lage zwischen den beiden Wasserläufen erklären.

Die Straße führte fortan durch dieses Kastell, und wollte jemand die Urft auf der Brücke überqueren, so musste er den Militärposten passieren. Das Kleinkastell hatte also die Aufgabe, den Personen- und vor allem den Warenverkehr auf der Agrippastraße zu kontrollieren. Es war keine Festung, die langen Belagerungen standhalten konnte oder sollte. Vielmehr handelte es sich eher um einen befestigten Stützpunkt, von dem aus Soldaten die Straße und das nähere Umland überwachen konnten.

 

Diesen Meilenstein sehen Sie im Archäologuischen Landschaftspark Nettersheim
Meilenstein im Archäologischen Landschaftspark Nettersheim (Foto: Gemeinde Nettersheim)

 

Die Mauer des Kastells war aus trocken, also ohne Mörtel gesetzten Bruchsteinen gebaut und mindestens 2,5–3 m hoch. Ein etwa 3 m breiter und 1,5 m tiefer Wehrgraben gehörte ebenfalls zur Befestigung. Die massiven Tortürme bestanden aus großen Steinblöcken, die man aus den Ruinen der zerstörten Siedlung geborgen und wiederverwendet hatte. Die Tordurchfahrt war so breit (10 römische Fuß = ca. 3 m), dass Reisewagen und Lastkarren passieren konnten.

Sie sehen heute die sichtbar gemachten Umrisse des Kastells und seine beiden Tore sowie die Rekonstruktion einiger Bruchstücke eines Meilensteins. Nach seiner Inschrift lässt er sich in die Jahre der Regierungszeit des Decius (249-251 n. Chr.) datieren. Gefunden wurde er im Bereich der Agrippastraße zwischen Brücke und Kleinkastell.

 

Kleinkastell der Römer bei Nettersheim
Kleinkastell im Archäologischen Landschaftspark Nettersheim (Foto: Gemeinde Nettersheim)

Erlebnisangebote

Unsere Expertentipps:

Wenn Sie den Marcomagus im Archäologischen Landschaftspark bei Nettersheim besuchen wollen, lassen Sie sich doch von unserem ausführlichen Tourentipp inspirieren. Über diese Verlinkung gelangen Sie direkt auf die richtige Seite!

 

Wandern Sie gerne?

Bei Nettersheim beginnt der Römerkanal-Wanderweg, der bis Köln dem Verlauf einer eindrucksvollen römischen Wasserleitung folgt! Unterwegs sehen Sie viele interessante Überreste, darunter Aquädukte, Brunnenstube und Tosbecken.