Ägypterin kehrt nach 100 Jahren wieder heim nach Dillingen-Pachten

Nach über 100 Jahren ist es der Stadt Dillingen und ihrem Mitarbeiter Dr. Jürgen von Ahn gelungen, ein einzigartiges Stück seiner Geschichte wieder in den Besitz der Stadt zurückzuführen. Hierbei handelt es sich um die Fragmente einer ägyptischen Skulptur des 6. vorchristlichen Jahrhunderts. Doch wie gelangte die Dame vom Nil an die Saar?

Was selbst vielen Einwohnern Dillingens nicht bewusst sein dürfte, schaut die Stadt, hier im Besonderen der Stadtteil Pachten, auf eine über 2000jährige Geschichte zurück. Schon vor den Römern, die hier siedelten, haben sich im Umkreis Kelten niedergelassen. An der Stelle Pachtens befand sich einst eine florierende Handelssiedlung, der Vicus Contiomagus. Durch die Germaneneinfälle zerstört, errichteten die Römer an zentraler Stelle auf den Ruinen ein Kastell. Zur Sicherung des noch immer wichtigen Knotenpunkts, der zwei Handelsrouten, u.a. nach Trier, miteinander verband, wurde dies nötig.

Irgendwann aufgegeben, verschwanden Vicus und Kastell weitestgehend aus dem Stadtbild und dem Gedächtnis der Bewohner. Seit dem 19. Jahrhundert, dass sich durch ein gesteigertes Interesse an Geschichte auszeichnete, erforschte man nach und nach vor allem das römische Erbe Pachtens. Grabungskampagnen in den 1960er Jahren führten eine Vielzahl römischer Artefakte zu Tage. Die Ägypterin wurde jedoch bereits 1920 innerhalb des ehemaligen Kastells gefunden und einer privaten Sammlerin geschenkt.

 

Diese ägyptische Skulptur wurde in Dillingen gefunden! Wie kam die Dame vom Nil an die Saar?
Fragment einer ägyptischen Skulptur aus Dillingen-Pachten (Foto: Julia Gorius)

 

Geheimnisvoll ist die außergewöhnliche Figur nicht nur wegen ihres markanten Äußeren, sondern gerade auch wegen ihrer Geschichte, die mit einer weiten Reise aus dem Land der Pharaonen nach Nordeuropa eine ungewöhnliche Wendung genommen hatte.

Nun gab es immer wieder Funde ägyptischer Kleinplastiken auf ehemals römischen Siedlungsgebiet in Europa. Das Pachtener Stück gilt jedoch im Gegensatz zu vielen anderen dieser Artefakte, welche aus dem Bereich der Massenproduktion stammten, in seiner Qualität als einzigartig. Die Figur aus dem extrem harten – fast schwarz erscheinenden – Basalt, stammt, laut Ägyptologen, aus der Zeit um 1200 bis 600 vor Christus. Aus dem Bereich der Hochkunst stammend, zeigte sie vermutlich einst das Antlitz einer Prinzessin oder Adeligen. Mysteriös bleibt in diesem Zusammenhang auch die offensichtliche bewusste Zerstörung des unteren Teils, welches auf der Rückseite den Namen der Dargestellten trug. Ebenfalls wurde das einst filigran geformte Gesicht zerstört. Man könnte eine Damnatio Memoriae annehmen. Genaueres lässt sich (noch) nicht sagen.

Über den genauen Fundzusammenhang ist leider nichts bekannt ist, so dass man über ihre zwischenzeitlichen Besitzer nur spekulieren kann. Die Forschung kennt bis heute zwei Theorien, wie die Ägypterin an die Saar gelangt sein könnte:

Die plausibelste ist jene, die besagt, dass ein römischer Soldat, welcher damals im ägyptischen Teil des römischen Reiches seinen Dienst verrichtet hat, sie vom Nil mit an die Saar gebracht hat. Vielleicht hat er sie als Göttin verehrt oder sie diente ihm als Talisman, bis er sie vor Ort verloren hat oder sie ihm als Grabbeigabe mit ins Jenseits gegeben wurde.

Neueren Datums ist die These, dass sie vielleicht aus einem keltischen Grab stammen könnte. Die Kelten, so weiß man heute, dienten den Ägyptern schon vor dem Aufstieg Roms als Söldner. Möglicherweise wurde die Figur von einem solchen Söldner mit in die Heimat gebracht. Dann wäre sie schon vor den Römern an der Saar gewesen.

Bis jetzt lässt sich dieses Rätsel nicht abschließend klären, weitere Forschungen wären von Nöten. Nach mindestens 2000 Jahren in saarländischem Boden, kann behauptet werden, dass die Dame, welche im Verhältnis dazu nur „kurz“ in ägyptischer Erde war, schon eine echte Saarländerin geworden ist. Nach 100 Jahren in Privatbesitz und für die Öffentlichkeit unzugänglich, konnte sie aus dem Kunsthandel zurück erworben werden und kehrt nun in ihre Pachtener Heimat zurück. Dort wird sie zukünftig im Römermuseum in würdigem Rahmen präsentiert werden.

Dr. Jürgen von Ahn